|
Amerikaner sind nett und höflich, selbst in New York, obwohl sie im Lande als ein wenig hochnäsig und ständig in Eile gelten. New York war mein erste Station
in Amerika. Werner Holzer hatte mir einen Kontakt zum Population Council vermittelt. Das ist eine NGO, die sich seit 49 Jahren mit dem Thema Verhütung und in den letzten 20 Jahren auch mit Aids beschäftigt. Neben der
sozialwissenschaftlichen Forschung, die sich weltweit mit dem Thema Familienplanung beschäftigt, wird in den Labors an der Rockefeller University geforscht.
Nach der ersten Woche, in der ich das Apartment in Brooklyn bezogen habe, stand ich in einem Hochhaus unweit des UNO-Gebäudes – mitten in New York und konnte
es kaum glauben. Judy Diers vom Population Council hieß mich herzlich willkommen. Sie nahm mich unter ihre Fittiche und gleich mit zu einem Brown-Bag-Seminar. Das sind informelle Treffen zur Mittagszeit, zu dem der Lunch in
einer braunen Tüte mitgenommen wird. Jeder aß, eine BBC-Dokumentation zum Thema Aids wurde gezeigt und dann darüber diskutiert. Dann wurde ich den Wissenschaftlern kurz vorgestellt.
Eine Frage tauchte immer auf: Warum ich nach Amerika gekommen bin. Ich habe dann immer geantwortet, daß ich meinen Horizont erweitern wollte, Amerika
kennenlernen will. Das hat, glaube ich, viele meiner Gesprächspartner verwundert. Daß ich meine Arbeit verlasse und mir solange Zeit nehme, etwas anderes, was nicht gerade ein konkretes Projekt war, zu machen.
Dafür hat mich verwundert, daß die Arbeitsplätze der Organisation fast alle durch Spenden und Fördergelder finanziert sind, und somit nicht gerade sicher
sind. Die Arbeitnehmer
haben nach eigenen Aussagen damit kein Problem, auch nicht die Leiter der einzelnen Forschungsgruppen. Sie waren gerade dabei, die Anträge für das kommende
Jahr zu schreiben. Auch wenn die Arbeitsstrukturen sehr flexibel und an die erforderlichen Gegebenheiten angepaßt werden, schien mir paradoxerweise die Hierarchie als vorherrschendes Organisationsprinzip.
Mich hat als Wissenschaftsjournalistin besonders die Forschung auf dem Gebiet der hormonellen Verhütung und dem Gebiet der Aidsprävention interessiert. Mir
wurde ein maßgeschneidertes Interviewprogramm in den Laboren ermöglicht, in denen ich vieles über die amerikanische Forschungslandschaft erfahren habe.
Besonders der Nachmittag bei der Arbeitsgruppe der Microbicides. Das sind Stoffe, die als eine Art Verhütungsgel, die Ansteckung von Frauen mit dem HI-Virus
verhindern sollen. Der zweite klinische Versuch wird zur Zeit in Afrika gestartet. Mich hat dabei die multinationale Zusammensetzung der Forscher, das Zusammenspiel von jung und alt und der kreative wissenschaftliche Ansatz
fasziniert. Da gibt es tatsächlich jemanden, der die Ansteckung von HIV im Tierversuch an einer Maus nachvollziehen will, was bisher noch nicht möglich war. Die Ansteckung mit HIV wird bei Mäusen mit dem Herpes-Virus
simuliert. Der junge Forscher war noch ganz am Anfang seiner Versuche und war sehr enthusiastisch.
Es hat mir Spaß gemacht, mich einmal mit Themen zu beschäftigen, die sich für meine aktuelle Arbeit nicht direkt umsetzen lassen.
Ein anderes Projekt war noch die Recherche zum Thema Tuberkulose in New York. Das war schwieriger und langwieriger als ich mir vorgestellt hatte. Ich
mußte mit dem New Yorker Gesundheitsamt korrespondieren. Es war weniger schnell zu realisieren, obwohl ich ein Empfehlungsschreiben von einem international anerkannten Lungenfacharzt aus Berlin hatte. Aber dann ging plötzlich
alles ganz schnell, nachdem die Presseabteilung des Govenors ihr OK gegeben hatte. Ich sprach mit den Verantwortlichen des TB-Control-Programs New Yorker Gesundheitsamt, mit Streetworkern, Psychologen und selbst mit einer
Patientin.
Nach sieben Wochen in New York flog ich nach North Carolina, Triangle Research Park.
Das ist eine der wenigen Gegenden in den USA, in denen es noch boomt. Durch einen Kontakt von Herrn Dr. Walther Leisler Kiep zu Glaxo Smith Kline, wurde es mir
ermöglicht, drei Wochen lang in der Kommunikationsabteilung des Pharmakonzerns mitzuarbeiten.
|